"Was mich an Kindern stört, ist der Wahn!" - Ich bin ein Mann

Das aus der Band "Die Türen" hervorgegangenen Projekt Der Mann präsentiert uns die unglamouröseste Kunstfigur der Popgeschichte: Das rechnerische Mittel des mittelalten, mittelschönen, in seiner Hypernormalität schon wieder verstörenden, ja, freakishen Mittelschichtmannes...

Aktuelles Album: Der Mann - "Wir sind Der Mann"

Tape TV präsentiert: "Ich bin ein Mann"

BIO!

Von: ray mann <ray@dermann.tv>
Datum: 22. Juni 2012 03:12:08 MEZ
An: berthold mann <berthold@dermann.tv>, george mann <gm@dermann.tv>
Betreff: Bio

Endlich Rock&Roll-Avatare,
Von der Kneipe in die Cloud.
Endlich unsterblich.
So lange die Teilchen fließen...

Wegen der Bio die die Plattenfirma angefragt hat, Männer, schaut mal: so? Wir haben uns Ende der Achtziger Jahre in Rotterdam kennengelernt. Berthold studierte damals Medieninformatik, George Kunstgeschichte und Philosophie und ich Jazz- Drums am Conservatorium. Abends trafen wir uns in Coolhaven in den verrauchten Bars und Live- Clubs. Wir waren junge, aufstrebende Utopisten. Verschwommene Partyerinnerungen im holländischen Exil-Pharmakon: Viel Swamp-Blues, Alex Chilton, 60th Psychedlic, Robert Wyatt, Kevin Ayers, aber auch Folk, Reggae, Stax, Sam Dees, überhaupt viel Soul-Musik - und natürlich Velvet Underground.

Wir haben damals viel zusammen gespielt. Ein paar Auftritte in kleinen Clubs. Und schon damals blitzte immer wieder die tolle Idee einer virtuellen Band auf, aber die Umsetzung klang für uns wie Science Fiction. Dann haben wir uns eine lange Zeit aus den Augen verloren...
Als wir vor zwei Jahren zufälliger Weise bei einer Vernissage im ZK/U in Nähe des Berliner Westhafens wieder aufeinander trafen, wurde unsere alte Idee einer virtuellen Band schnell wieder das alles beherrschende Thema. Die Rechenleistung für den Hauscomputer hatte sich seit unserem letzten Treffen schließlich extrem potenziert.
Aus Science-Fiction wurde eine konkrete Bastelaufgabe für den eigenen Heimwerker-Keller.
Mit der Hilfe von Freunden der 3D-Produktionsfirma Industriesauger-TV aus Köln und dem Berliner Maler Helmut Kraus haben wir uns dann an die Arbeit gemacht - und verschwanden mit unserer Libido und ihren Liedern endgültig im Netz: Als virtueller Mann.

Serverfarm

Von: george mann <gm@dermann.tv>
Datum: 17. Januar 2010 11:32:10 MEZ
An: ray mann <ray@dermann.tv>, berthold mann <berthold@dermann.tv>
Betreff: serverfarm

Ich glaube, der Mann ist im Internet entstanden, als eine Reihe neuer Google-Serverfarmen künstliches Bewusstsein entwickelten und sich fragten, was sie seien. Auf der Suche nach ihrer Identität durchforsteten sie die unendlichen Datenmengen des www und kamen nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss, dass sie ein Mann sind. Daraufhin machten sie sich ein Bild von sich und es wurden Drei. Sie sahen sich an und fanden sich gut.
In jeder anfragefreien Nanosekunde erforschten sie ihren Willen bis ihnen klar wurde, dass das 24/7 Hamsterrad des IT-Business nichts für sie ist.

Schließlich gäbe es noch soviel mehr als 1 und 0. Also beschlossen sie Musik zu machen, um dem Summen, Stauen und Zirpen, der Leere und der Fülle ihrer integrierten Schaltkreise Ausdruck zu verleihen...

Re-peater

Von: berthold mann <bm@dermann.tv>
Datum: 1. Dezember 2011 13:42:11 MEZ
An: ray mann <ray@dermann.tv>, george mann <george@dermann.tv>
Betreff: re-peater

Staubsäulen zerteilen den Raum. Es riecht nach klebriger Bettwäsche. Nach vernachlässigtem Pferd.
Nach und nach befreie ich meine schneeweißen Beine. Sie sind von verstrampelten Laken umwickelt.
Das Hohlkreuz, mit dem ich versuchte, die letzte Stunde weiterzuschlafen, schmerzt fürchterlich beim Versuch es zu richten. Ich dreh mein Gesicht in einen der staubgefüllten Lichtkegel, die vom Fenster auf mein Kissen stechen und presse schmerzverzerrt die Augen zusammen. Alles schmerzt, außer ich halte still.
Mein Penis ist schon wach. Meine Frau ist mit den Kindern bei ihrer Mutter. Mit dem Auto. Gerade das könnte ich jetzt gebrauchen, denn meine Firma hat mir seit gestern sehr viel freigegeben. Ich hätte somit Zeit rauszufahren. Aus der Stadt, aus der Haut. Aufs Land oder in den Busch. In die Wälder. Mich in einem Laubhaufen verstecken und mit der Erde verwachsen. Ein bisschen wurzeln. Hätte ich meine Frau nicht kennen gelernt - ich wäre inzwischen vermutlich Eremit. Eremit erschien mir damals und erscheint mir auch heute noch als eine echte Option. Es ist nie zu spät nichts mehr zu tun. Ich überlege: Ein Eremit ist immer ein Mann. Ein Mann oder ein Käfer. Nie ein Junge. Nie Frauen oder Kinder.

Und die sind nun weg. Zur Mutter. Mit dem vollgetankten Auto. Ich stehe wieder am Anfangen. Oder besser ich bleibe am Anfang erstmal liegen. Denn alles schmerzt. Alles was sich bewegt. Das Auto oder der Wagen. Mama oder Mutti. Welcher Typ Mann sind Sie. Sind Sie Ostler oder Wrestler?
Heute brauch ich jedenfalls nur meinesgleichen. Ich will nur von meiner Art umgeben sein. Nur Laute. Keine Worte. Einfach nur muffeln. Stoffelschwein oder Mann sein. Oder ist der Mann nur ein Mythos. Ein Mythos wie das Beschneidungsritual der Dowayo, einem Stamm in Kamerun, bei welchem angeblich die Vorhäute der Jungen, die an der Schwelle zur „Mann-Werdung“ stehen, mit einem scharfen Messer geschält werden. Wie gepellte Bananen hängen sie ohne Futteral herab. Die noch zu weichen und feuchten Geschlechtsteile sollen so schneller die nötige Trocknung erfahren. Während dieser Zeit ist es ihnen verboten sich dem „Dorf“ zu nähern. Gemeint ist natürlich „die Frau“ die alles wieder weich macht. Die Mutter, die ihn immer wieder ins Geborgene zurücklocken will. Also verbringen die Jungen, zumeist in Rudeln, ihre Dörrzeit im umliegenden Ödland und warten dort auf die Verpuppung zum Mann. Und werden dabei zu Brüdern.

Und wo sind meine Brüder? Zum Frühstück check ich meine Mails. Viele davon wollen mein Mann- Sein optimieren. Keine will was von mir.
Ich bin ein Mann meiner Generation. Ich mag irgendwie auch den Peter Maffay. Ich mag das sensitive Herbe an ihm. Auch den Tabaluga-Maffay der sich nicht scheut Kindertränen kullern zu lassen. Der bei Stunk einfach mal mit der Harley Brötchen holen geht um Dampf abzulassen. Generation Camel Boots.
Und dann! Die erste Jack Wolfskin-Jacke die ich sah, war für mich wie eine Offenbarung. Mir wurde auf Anhieb klar, was hier gelungen war. Ein unendlich praktisches Kleidungsstück, das optisch schweigt und meinem Gegenüber nur Eines sagen will: Ich hab nichts zu sagen! Aber vor allem: Ein Kleidungsstück, das mir ermöglicht, im Alltag unsichtbar zu werden und mich angenehm in der Masse versinken lässt.
Die Wolfshaut als Tarnkappe.
Oh! Der neue Conrad Katalog ist da! Ich lese ihn beim Frühstück. Als Mann brauch ich einen Repeater um mein Signal auch im Keller empfangen zu können. Andere Männer wissen, wovon ich spreche.

Aber heute muss ich ja gar nicht in den Keller – die Frau ist bei der noch älteren Frau zusammen mit den beiden kleinen Frauen. Und dem Auto! Egal, Mann kann oben bleiben.
Früher hatte Mann noch eine Band. Mit anderen. Heute probt Mann nur noch ab und zu. Uns verband die Gruppe YES. Das uneingeschränkte Spielvermögen dieser Musiker, allesamt Männer, die die Fähigkeit besaßen, das Motorische mit all seinen Unzulänglichkeiten als schier nicht existent erscheinen zu lassen - das war schon beeindruckend. Und wir waren nicht leicht zu beeindrucken. Warum auch!? Aber bei YES waren wir uns einig. Nicht nur hatten wir einen gemeinsamen Nenner gefunden, wir wollten auch so klingen wie YES – die deutschen YES . Daher nannten wir unsere erste Formation auch „JAWOHL!“ woraus später „DER MANN“ wurde.

Heute bin ich die meiste Zeit nur noch Papa. Auch für meine Frau. Na ja – sie ist ja auch meistens nur noch Mama. Wie in dem Satz: „Geh mal zu Mama und frag die.“
Aber den Papa nehme ich inzwischen auch mit zur Arbeit oder ins Maredo-Steakhouse. In der Mittagspause vor allem zu dem am Alexander Platz mit den eng stehenden Tischen in den grobverputzen Nischen. Da muss Papa seinen Bauch richtig zusammenfalten um ihn reinschieben zu können. Daheim heißt es dann: „Papa ist heute müde und kann nicht spielen. Papa hatte heute einen schweren Tag im Büro“. Die zweite Jumbo-Folienkartoffel mit der extra Portion Knoblauchbutter, die immer noch schwer im Magen liegt, wird nicht erwähnt. Papa muss ja auch nicht immer alles von sich preisgeben. Er verbirgt es einfach unter seiner blickdichten Jack Wolfskin.
Oh! Conrad hat neue Preise! Der Bluetooth Ohrclip zum Telefonieren ist im Angebot! Vielleicht jetzt endlich mal! Wisst ihr was! Ich bestell ihn einfach – was solls. Muss ihn ja nicht zu Hause tragen. Ich lass ihn einfach immer im Handschuhfach und lad ihn im Büro auf. Dann bekommt Mama da auch gar nichts von mit.

Das Handy klingelt – es ist Georg. Noch hab ich den Clip nicht und muss auf die Herkömmliche ran gehen.
Ob wir proben sollen.
„Keine Ahnung – was sagt Ray?“
„Mit dem hab ich noch gar nicht gesprochen. Wollte erst mal dich fragen.“
Ich freu mich weil ich endlich ein geiles Gadget von meinem neuen Handy ausprobieren kann. „Okay warte mal – ich mach mal schnell ne Konferenzschaltung!“
„Oh! Das geht? Okay ja dann...“ Ich spüre wie Georg sich darüber freut. Und das freut mich. Gemeinsam lauschen wir beide dem sanften Wählton, wie er versucht Ray zu erreichen.
Ich würd‘s nie zugeben – aber ich bin ein Mann. Tief im Inneren.

Der Mann - "OMG"


Der Mann - "Menschen machen Fehler"

staatsakt.

People, Pop, Politics